BLIND-DATE
Der Brief roch nach zartem ... er wußte nicht, was es war, aber der Duft
erinnerte ihn an irgendetwas. An eine Zeit vor dieser?
Sie hatte kein Bild mitgeschickt. Er war etwas enttäuscht gewesen. Die
Beschreibung über ihr Äußeres hatte sich so wohltuend angehört und ihm
Lust auf sie gemacht.
Er spürte wieder dieses erregende Kribbeln im Unterleib. Wie sie wohl
sein würde?
Die letzten Treffen hatten ihn eher enttäuscht. Am Anfang seiner
Blind-Dates war es irgendwie aufregender gewesen. Vielleicht war es mal
Zeit, eine Verschnaufpause einzulegen. Und doch war er sich fast sicher,
diesmal würde es was Besonderes sein.
Das Kribbeln im Unterleib verstärkte sich.
Sie hatte ein schönes Lokal im Herzen der Altstadt vorgeschlagen. Er
genoß die Atmosphäre dort und war schon bei seinem zweiten Milchkaffee,
als sich die Tür öffnete.
Sie sah sich in der Bar um und kam direkt auf ihn zu. Er schnappte nach
Luft...
Seine Freundin Anouk stand vor ihm, leicht außer Atem, die Wangen
offensichtlich vor Aufregung gerötet. Er hatte vergessen, wie schön sie
war.
Sie setzte sich zu ihm und sah mit ihren faszinierenden Augen bis tief
in sein Innerstes.
Er hatte sich lange nicht mehr so schlecht gefühlt: „Woher wußtest
Du...?“
„Vielleicht wußte ich es ja gar nicht und es ist nur ein blöder Zufall
oder noch blöderes Schicksal? Es kann ja sein, daß ich dieselbe Idee
hatte. Was meinst Du?“
Sie bestellte sich einen Espresso, zog ihre Jacke aus und saß in einem
atemberaubenden
Outfit vor ihm.
Er schluckte schwer.
„ Es tut mir leid, ich...ich liebe
Dich doch.“
„Ich weiß, aber Du vergißt es halt öfter. Meist eben dann, wenn es
wichtig wäre.
Im Grunde willst Du ja gar keine andere, Du brauchst halt nur ab und zu
ein kleines bißchen Abwechslung, das berühmte Flattern im Bauch,
stimmt´s?“
Sie fuhr ihm mit den Fingern zart am Kinn entlang. Er schloß die Augen.
Sie wußte es genau, bei dieser Berührung bekam er wie immer eine
unbändige Lust auf sie.
„Laß uns zu Dir gehen,...bitte“ flüsterte er
heiser.
Sie sah auf die Uhr. „Es tut mir leid, ich bin verabredet. Vielleicht
ein anderes Mal.“
Er sah durchs Fenster, wie sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite
auf einen Mann zuging, dessen erotische Ausstrahlung nicht zu übersehen
war.
Die beiden küßten sich mit einer Innigkeit, die ihm den Atem nahm.
Zärtlich umschlang der Fremde Anouk. ...Hatten ihre Augen bei ihm je so
glücklich geblitzt?
Als sie sich umdrehte und ihm einen Kuss zuwarf, hatte er das Gefühl,
sein Leben wäre so schal wie der abgestandene Milchkaffee vor ihm.
Er nahm den Brief aus seiner Hosentasche, und erkannte den Geruch. Das
Parfüm hatte er ihr zu ihrem letzten Geburtstag geschenkt; in einer Zeit
vor dieser.
Ralf aus Bielefeld
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