Allerheiligen
Gab es einen schlimmeren Monat als den November? Die Tage waren kurz und grau, kalt und naß. Die Nächte lang, kalt und naß und nur deshalb nicht grau, weil es zu dunkel war, es zu erkennen! Sie war der üblichen November-Tristesse verfallen und es schien nichts zu geben, das sie da hätte rausreißen können. Es wurde nicht besser dadurch, daß Niklas sie gerade in diesem finsteren Monat vor einem Jahr verlassen hatte. Als wenn es ohnehin nicht schon genügend Gründe gegeben hätte, sich deprimiert und unglücklich zu fühlen. An Allerheiligen hatte sie den verräterischen Lippenstift auf seinem Hemd entdeckt, ausgerechnet Buß- und Bettag hatte er seine Sachen gepackt und am trübesten aller Sonntage, dem Totensonntag traf sie ihn dann auch noch mit seiner neuen Flamme in ihrem Lieblingscafe. Die Türklingel riß sie aus den unnützen Gedanken. Sie öffnete und sah in die blauen Augen ihres Nachbarn. Der schon wieder. Er war ja ganz nett, aber irgendwie nervte er auch. Ständig hatte er etwas beim Einkaufen vergessen oder wollte einen Tip über die Stadt, wo man hingehen konnte, wo man die besten CDs bekam usw. Er lächelte sie an: Du Mona, entschuldige die Störung, aber hast Du heute abend schon etwas vor? Sie sah ihn irritiert an. Wie,...was vor? Na ich meine, ob Du heute abend vielleicht etwas Zeit hättest.
Ich möchte mich für ein halbes Jahr Generve an der Wohnungstür bedanken. Er sah sie dabei so lieb bittend an, daß sie einfach nicht nein sagen konnte. Er war er ja auch ganz nett, aber eigentlich hatte sie immer noch überhaupt keine Lust auf Männer. Naja, auf die gute Nachbarschaft! Seufzend sagte sie zu. Prima, so gegen acht? Und nichts essen, vorher. Bis dann! Unwillkürlich mußte sie lächeln! Er war wirklich nett. Sie beschloß die Einladung als einen willkommmenen Anlaß dafür zu nehmen, etwas für ihre Schönheit zu tun. Sie sah prüfend in den Spiegel. Shit, tatsächlich hatten sich in ihren Mundwinkeln schon kleine Bitterkeitsfalten eingenistet. Das war ja wohl das allerletzte! Sie würde bald aussehen wie eine frustrierte, von den Männern enttäuschte, alte Jungfer. Und das nur, weil Niklas seit einem Jahr auf dicke Möpse und lange, blonde Haare stand! Es wurde Zeit für eine sogenannte Reinkarnation, was ihr Liebesleben betraf! Sie nahm ein wohltuendes Bad, peelte und cremte sich ausgiebig. Wusch und fönte ihr Haar, bis es seidig glänzend auf ihre Schultern fiel, verwöhnte ihr Gesicht und schminkte sich dezent. Sie wählte eine knapp sitzende Jeans und einen lässigen Pulli. Ein Blick in den
Spiegel bestätigte ihr gutes Gefühl. Sie sah endlich mal wieder ganz passabel aus. Verwirrt bemerkte sie ihr Herz klopfen, als er ihr öffnete. Er trug eine enge Jeans und einen lässigen Pulli. Unwillkürlich mußten beide grinsen. Als sie seine Wohnung betrat, sah sie sich erstaunt um. Sie kannte die Wohnung nur im unrenovierten Zustand. Er hatte ein tolles Zuhause geschaffen. Der Tisch war sehr geschmackvoll gedeckt und aus der Küche drang ein verführerischer Duft ins Zimmer. Er goß ihr galant ein Glas Rotwein ein. Ihr fielen seine schönen, kräftigen Hände ins Auge. Ob sie wohl eher zärtlich waren oder lieber zupackten? Verwirrt sah sie ihn an und blickte in seine dunkelblauen Augen. Eine Hitzewelle stieg in ihr auf. Das Essen war fantastisch. Es wurde ein rundum gelungener Abend. Beide hatten ein offensichtlich unglaubliches Bedürfnis, soviel wie möglich über den anderen zu erfahren. Sie unterhielten sich angeregt, hörten wunderbare Musik und tranken köstlichen Wein zusammen. Angst schoß in ihr hoch, als sie plötzlich merkte, daß sie sich in ihn verlieben könnte. Hastig stand sie auf und mur
melte etwas von ...schon spät, ....früh raus! An seiner Wohnungstür hielt er sie fest. Geh` nicht! Ich weiß, wie Du Dich fühlst... Auch ich hatte mir vorgenommen, mich nicht mehr zu verlieben, aber ich kann offensichtlich sowieso nichts dagegen tun! Wie meinst Du das? Sie ließ sich von ihm wieder auf die Couch ziehen. Warum stehe ich seit fast 4 Monaten unter allen möglichen Vorwänden bei Dir auf der Matte, ... warum frage ich Dich zum hundertsten Mal, wo es hier nette Kneipen gibt. Warum mache ich mich in Deinen Augen zum nervenden Horst...? Na, was meinst Du wohl? Sie blinzelte überrascht. Ich brauchte einfach immer einen Vorwand, um mit Dir sprechen zu können. Du hast es mir nicht gerade einfach gemacht. Daß Du keine Lust auf Männer oder auf mich hattest, war schon sehr eindeutig. Du willst damit sagen, Du hast Dir den Kaffee und die Milch nur immer wieder ausgeliehen, um mich sehen zu können? Verblüfft starrte sie ihn an. Ich wollte nicht lockerlassen. Ich habe mich vom ersten Moment an in Dich verliebt. Obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, es nicht zu tun. Meine letzte Freundin hat mir nämlich ziemlich übel mitgespielt,...aber das erzähle ich Dir ein anderes Mal! Er nahm sie sanft in den Arm. Willst Du wirklich schon gehen...? Eigentlich ja nicht, es ist nur so, ich.... Er verschloß ihren Mund mit einem Kuß. Erst zaghaft, dann immer fordernder küßten sie sich. Mona merkte, wie ihr ein Schauer den Rücken und die Beine herunterlief. Wie lange hatte sie dieses Gefühl nicht mehr erlebt? Es tat unendlich gut, mal wieder im Arm gehalten zu werden. Seine Hände streichelten sie zärtlich. Irgendwann fand sie sich unter seinem muskulösen Körper auf
einem riesigen Bett wieder. Sie waren beide nackt und sie genoß die Wärme, die von seiner Haut auf sie ausstrahlte. Im Grunde war es doch ganz einfach, sich zu verlieben. Egal, was daraus würde. Sie hungerte mehr nach Zärtlichkeit und Verlangen, als sie sich das ganze letzte Jahr einzugestehen vermocht hatte. Geschickt spielten seine Lippen an ihren, sich ihm sehnsuchtsvoll entgegenreckenden Brüsten. Sie floß dahin, wie Wachs in seiner Hand. Er schien ein vielversprechender Liebhaber zu sein. Im Laufe der Nacht wurde sie süchtig nach dem Duft seiner Haut, den forschenden Händen, seinen vollen Lippen, seinen kräftigen Schenkeln und dem wunderschönen, gerade gewachsenen Schwanz. Sie wurde nicht müde, ihn immer wieder zu liebkosen und seinem edlen Besitzer höchste Sinnesfreuden zu verschaffen. Die Nacht verging wie im Rausch. Im Morgengrauen verließ sie ihn während er noch schlief, um in ihrer Wohnung nach Luft zu schnappen und Kontrolle über ihre aufgewühlten Gefühle zu bekommen. Es gab keine Stelle an ihrem Körper, die nicht brannte und pochte und sie an die letzte Nacht erinnerte. Wie gut, daß heute Samstag war. Sie würde den Rest des Tages im Bett verbringen können. Sie fiel in einen traumlosen Schlaf. Am späten Nachmittag wurde sie durch ein Geräusch an der Wohnungstür geweckt. Etwas verschlafen bemerkte sie den weißen Briefumschlag. Neugierig öffnete sie das Kuvert. Daß ich wieder mal keine Milch für meinen nicht vorhandenen Kaffee
habe, daß ich wieder mal nicht weiß, wo ich heute abend hingehen soll und daß mir wieder mal kein CD- Tip einfällt, ist schon traurig genug. Viel schlimmer aber ist es, daß mir der Kaffee, selbst wenn ich welchen hätte auch mit Milch nicht ohne Dich schmecken würde, daß ich mit der neuesten Musik alleine nicht glücklich würde und daß ich mich in der schickesten Bar zwischen all den hippen Mäusen ohne meine süße Nachbarin nicht wohl-fühlen würde! Sven! Am liebsten hätte sie vor Freude laut gejubelt und wäre sofort zu ihm rübergelaufen. Doch sie hatte eine bessere Idee. Seine Stimme wirkte nervös, als er den Hörer abnahm. Sven Petersen. Hallo, ich wollte Dich einladen, den Rest des Wochenendes auf der anderen Seite des Flures zu verbringen. Ich hatte nämlich vorsichtshalber tonnenweise Kaffee für meinen Nachbarn eingekauft, der Kühlschrank quillt über vor Milch, ich habe die heißeste CD im Player und gerade von einer Freundin einen Insider-Tip über die coolste Bar der Stadt erhalten. Wie siehts aus, hast Du bis Montagmorgen schon etwas vor?